Gottesdienst für Entschlafene mit dem Bezirksapostel

Es ist Sonntagmorgen. Menschen strömen aus allen Richtungen in die neuapostolische Kirche in Gera in der Nestmannstraße. Der Bezirksapostel hat sich angekündigt.

Drinnen fallen dem aufmerksamen Besucher ein sehr liebevoll geschmückter Altar und eine von besonderer Erwartung geprägte Gemeinde ins Auge. Musikalische Darbietungen von Chor und Instrumentalisten stimmen die Gläubigen auf das unmittelbar bevorstehende Erleben ein.
Der Gottesdienst beginnt. Nach einem innigen Eingangsgebet liest der Bezirksapostel das Bibelwort Lukas 7,13-14:

Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf!

Die Sänger leiten mit der wunderschönen Vertonung des „Unser Vater“ von John Bankson in fulminanter Art und Weise zur Predigt über. Von dem verklungenen Lied sichtlich berührt geht der Bezirksapostel darauf ein, welch tiefgreifende Wirkung es haben kann, wenn Text und Musik in einer solch schönen Weise zusammengeführt und vorgetragen werden. Derartiges löst immer besonderes Empfinden aus. Er erinnert an das Kinderlied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“. Hier wird durch einen schlichten Text, eingebettet in eine schöne Melodie, eine wunderbare Botschaft vermittelt: „ER kennt auch DICH und hat DICH lieb!“

Nach diesem kurzen Nachhall des Eingangsliedes wendet sich Bezirksapostel Klingler dem Bibelwort zu. Schon nach wenigen Sätzen fühlt man sich unmittelbar in das damalige Geschehen vor den Toren Nains versetzt: Der Staub unter den eigenen Füßen wird förmlich spürbar, Menschen sind zum Greifen nah und einer steht im Mittelpunkt – JESUS. Er gehört zu einer der beiden Gruppen, die an jenem Tag am besagten Stadttor zusammentreffen. Beide Gruppen haben allerdings zwei völlig verschiedene Ziele: Die einen wollen „den Tod“ schnell aus der Stadt hinausbringen, den verstorbenen Sohn jener Mutter. Die anderen wollen eigentlich genau das Gegenteil – „das Leben“ in die Stadt bringen, denn er, Jesus, der von sich gesagt hat „ich bin die Auferstehung und das Leben“, ist mitten unter ihnen.

Der Bezirksapostel lenkt den Blick der anwesenden Gemeinde auf jene Person, die sich im Blickfeld Jesu befand – die trauernde Mutter. Jesus sieht ihre Tränen, er sieht ihren Schmerz. Sie ist bereits Witwe. Ihr ist also der Abschiedsschmerz nicht unbekannt. Auch das sieht der Herr. Es hinterlässt seine Spuren bei ihm. Und so geht der Bezirksapostel auf die Gefühlsregung Jesu ein, von der es heißt „sie jammerte ihn“. Es ist der Ausdruck größten Mitgefühls. Zwei Worte sind unmittelbare Folge diesen Mitgefühls: „Weine nicht!“. Er wendet sich also zuerst dieser Mutter zu, um sie zu trösten, denn ER, der Herr über den Tod ist, hat die Macht, wahrhaften Trost zu spenden. Erst dann tritt er zum Sarg und spricht „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“. Es sind keine leeren Worte, sondern die kraftvollen Worte des Gottesohnes, der da spricht: „ich sage dir, steh auf!“, die bei dem Verstorbenen das Wunder der Erweckung für die damals Anwesenden erlebbar machen.
„Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.“

Der Bezirksapostel liest den Kontext zum Bibelwort vor und stellt noch ein Detail heraus: „Und Jesus gab ihn seiner Mutter.“ Von welcher großen Freude wird diese Mutter erfüllt sein, als Jesus ihr den Sohn lebend zurück gibt? An dieser Stelle nimmt unser Bezirksapostel die Gemeinde mit in die Gegenwart. Die Mutter ist ein Bild für die Gemeinde. Eine Mutter trauert um ein Kind, dass sie verlässt. Auch eine Gemeinde trauert um manches „Kind“, das sie verlassen hat. Und Jesus sieht das auch heute. Er möchte der Gemeinde Söhne und Töchter auch heute zurückgeben und Neue hinzuführen. An diesem Tag besonders aus der Ewigkeit.

Eine weitere Facette des Bibelwortes spricht Bezirksapostel Klingler an: Die Grundhaltung Jesu, großes Mitgefühl für den Anderen zu empfinden, soll in jedem Gläubigen tief verankert sein. So schreibt schon Apostel Paulus an die Kolosser: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“ (Kolosser 3,12). Wir sind dazu aufgerufen, es Jesus gleich tun – herzliches Erbarmen den Seelen gegenüber zu zeigen, die getrennt von der Mutter, von der Gemeinde und damit von Jesus sind. Jesus kann und will sie auch heute zurückgeben.
Mit diesen Gedanken beendet der Bezirksapostel sein Dienen.

Ein tief zu Herzen gehender Beitrag des Frauenchores unterstreicht sowohl musikalisch als auch durch seinen Inhalt die fürsorgende Liebe Jesu - das Lied „Ich bin bei dir“.

Apostel Korbien und Apostel Burchard unterstreichen in ihrem Mitdienen die Sorgen der Mütter, die damals im Krieg ihre Söhne verloren haben, die Sorgen der Mütter, deren Kinder heute nicht mehr die Gottesdienste besuchen, weil sie ihren Glauben verloren haben. Auch heute will Jesus solche Mütter und Gemeinden trösten und ihnen ihre „Kinder“ geistlich lebend zurückgeben - sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Auch vom legeren Kleid der Gleichgültigkeit ist die Rede, eine Modestück, welches nicht aus dem „göttlichen Kleiderschrank“ stammt und umgehend abgelegt werden sollte.

Besonderer Höhepunkt des Gottesdienstes ist zweifelsohne die Spendung der drei Sakramente für die Entschlafenen. Für viele der Anwesenden ist es das erste Mal, solch ein Geschehen miterleben zu können. Der Bezirksapostel vollzieht die Heilige Wassertaufe, die Heilige Versiegelung und die Feier des Heiligen Abendmahles für jene verlangenden Seelen sichtbar an der aus den beiden Vorstehern der Gemeinden Zeitz und Gera bestehenden Amtskrippe. Und wieder ist es die Musik, die unmittelbar nach Abschluss dieser besonderen Handlung den emotionalen „I-Punkt“ setzt. Sehr einfühlsam erklingt eine wundervolle Komposition für Violine, Querflöte und Klavier. Angefüllt mit großer Ergriffenheit findet der Gottesdienst in der Nestmannstraße seinen Abschluss. Es ist Mittag geworden. Die Geschwister machen sich wieder auf den Heimweg. Manche haben ein Lächeln auf den Lippen, andere Tränen in den Augen. Jeder nimmt gewiss etwas mit. Ich auch.

T.H.